Vorwort

Auf den Spuren der Faszination Berg

Als mich Robert Schauer eingeladen hat, einen Beitrag für dieses Programmheft zu schreiben, habe ich mich zunächst gefragt: Warum ich? Weder bin ich erfahrener Alpinist noch Naturforscher und meiner Leidenschaft für das Medium Film gehe ich vor der Leinwand nach und nicht hinter Kameras oder am Schnittplatz. Also habe ich als Journalist, Kommunikationsberater und Coach für Unternehmenskultur überlegt, wie und was ich aus diesen Blickwinkeln zum Thema beitragen kann.

Ich habe mich gedanklich auf den Weg gemacht, um der Faszination Berg aus unserer Alltagssprache heraus zu folgen. – Wie oft bedienen wir uns der Bergwelt, um Glücksgefühle auszudrücken? Zum Beispiel, wenn wir schwärmerisch versi- chern, dass uns ein Erlebnis Berge gibt. Wir begegnen den Bergen aber auch als Sinnbild für große Vorhaben wie Berge von Arbeit oder bedrohliche Belastungen wie Schuldenberge, die kaum abzubauen sind. Wir beobachten rhetorische Grat- wanderungen, kritisieren politische Seilschaften und bewundern Aufsteiger, die es mit Zielstrebigkeit und Mut schon in jungen Jahren ganz nach oben an die Spitze schaffen. Und obwohl der Beweis bis heute nicht erbracht ist, sind wir ziemlich sicher, dass unser Glaube Berge versetzen kann. Berge stehen für Großes, Starkes und Unvergängliches.

Der Film stand lange Zeit für das Wahre, Echte und Lebendige. Mittlerweile erlau- ben ausgeklügelte Computerprogramme den Filmemachern fast jede Simulation. Expeditionen in ferne Galaxien, gigantische Maschinen oder übermenschliche Wesen – nicht mehr die menschliche Phantasie bestimmt die Grenzen des Mach- baren sondern Rechnerleistungen, Software und die Budgets der Animationsstu- dios. Dennoch ist es ausgerechnet die künstliche Scheinwirklichkeit der Virtual Reality, die unsere Bewunderung für die Authentizität des Naturfilms noch steigert.

Reale Naturfilme machen uns unsere Gastrolle auf diesem Planeten bewusst, den wir so gern „unsere Erde“ nennen. Allzu leicht vergessen wir dabei, dass die uns zugängliche feste Kruste der Erde mit all den Ozeanen und Kontinenten nicht einmal ein halbes Prozent ihres Durchmessers beträgt. Als die Berge die Naturherrschaft über die Erdoberfläche übernommen haben, war die Lebensform Mensch noch Milliarden von Jahren entfernt. Und wer weiß, um wie viele Jahr- milliarden die Berge uns überdauern werden ...

Die Dimensionen der Bergwelt führen uns stets aufs Neue unsere eigene Kleinheit vor Augen. So gesehen ist das Mountainfilm-Festival sowohl ein Schauplatz groß- artiger Naturphänomene als auch ein guter Ort, um Demut zu üben.

Heimo Lercher
Corporate Culture Consultant